Fortschritt

Das Gegenteil von Fortschritt ist nicht Rückschritt. Es ist Stillstand.

"Hohe Luft"-Chefredakteur Thomas Vašek.   Bild: Ulrike Schmid  Quelle:taz.de
“Hohe Luft”-Chefredakteur Thomas Vašek. Bild: Ulrike Schmid Quelle: taz.de

In der aktuellen Ausgabe 2/2015 der Philosophie-Zeitschrift “Hohe Luft” formuliert Chefredakteur Thomas Vašek seine Gedanken zum Fortschritt: “Vielleicht ist es eine Zeit, Fortschritt neu zu denken”

(…)

“Wer von Fortschritt redet, muss immer sagen können, welchen Fortschritt er meint, für wen und im Hinblick auf welche Ziele. Es gibt nicht “den” Fortschritt, sondern viele Fortschritte auf verschiedenen Gebieten, die verschiedenen Menschen dienen. Und all diese Fortschritte addieren sich nicht einfach zum Fortschritt der Menschheit. Vielmehr kann der Fortschritt auf einem Gebiet sogar den Fortschritt auf einem anderen unterminieren. Insofern brauchen wir vielleicht eine andere, bescheidenere Fortschrittsidee, die besser zu unserer immer komplexeren Welt passt. Womöglich ist die Idee des Fortschritts überhaupt nur eine nützliche Fiktion, die unserem Handeln einen Sinn verleiht. Das heißt aber nicht, dass wir auf sie verzichten können.Wenn wir aufhören zu glauben, dass wir die Möglichkeit haben, die Dinge zum Besseren zu verändern, können wir auch gleich alles beim Alten lassen. Um Fortschritt zu erreichen müssen wir daran glauben, dass es Fortschritt gibt.

EIN NEUES FORTSCHRITTSDENKEN muss allerdings darauf verzichten, der Geschichte einen tieferen Sinn zu unterstellen. Es muss davon ausgehen, dass wir nicht sicher wissen, was das “Bessere” ist – und ob wir uns in die richtige Richtung bewegen. Das bedeutet aber keineswegs die Rückkehr zum Alten. Selbst wenn früher “alles besser” war als heute, heißt das noch nicht, dass wir diese Verhältnisse wieder herstellen sollten. Wir leben eben heute und nicht in der Vergangenheit. Und was für die alten Griechen gut war, muss keineswegs für uns heute gut sein. Fortschrittlich zu denken heißt vielleicht einfach nur, sich heutigen Fragen und Problemen praktisch zu stellen, die darin liegenden Möglichkeiten zu ergreifen, statt angeblich besseren Zeiten nachzutrauern. Und diese Möglichkeiten gibt es immer und überall. Dazu gehört auch die Möglichkeit, bestimmte Dinge einfach nicht zu tun, obwohl man sie tun könnte.

An den Fortschritt glauben, das heißt also, Dinge zu verändern, Probleme zu lösen, neue Ideen auszuprobieren, und zwar auch dann, wenn wir nicht mit Sicherheit wissen, ob wir unterm Strich damit richtig liegen. In Bezug auf bestimmte Ziele können wir zwar sagen, ob wir damit erfolgreich sind, ob wir also einem Ziel näherkommen oder nicht. Wer etwa im Job ein Projekt vorantreibt, wer eine neue Sprache erlernt, der erzielt tatsächlich einen Fortschritt. Und genauso können wir mit Erfolg politische und gesellschaftliche Ziele verfolgen, die wir für wichtig und richtig halten. Wir können allerdings nicht sagen, ob diese Ziele selbst die richtigen sind – und ob all die Fortschritte die Welt wirklich zum Besseren verändern. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber das können wir nur herausfinden indem wir es versuchen. Den Glauben an den Fortschritt aufzugeben, das hieße, keine Ziele und Ideale mehr zu haben. Nichts mehr zu versuchen, nichts mehr zu wagen.

Vielleicht bedeutet Fortschritt einfach, weiterzumachen in der Hoffnung, dass etwas Gutes dabei heraus kommt. Dazu gehört immer die Möglichkeit des Irrtums. Ein vermeintlicher Fortschritt kann sich unterm Strich sogar als “Rückschritt” herausstellen. Trotzdem kommen wir nur voran, wenn wir Neues wagen. Das Gegenteil von Fortschritt ist nicht Rückschritt. Es ist Stillstand.”

Thomas Vašek, Philosophie-Magazin “Hohe Luft”, Ausgabe 2/2015

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